Die Umsetzung wirkt angenehm zurückhaltend und trotzdem klar und verlässlich. Kalmeda® gibt mir das Gefühl: „Ich bin nicht allein. Hier bekomme ich Unterstützung.“
Kalmeda im Test: Meine Erfahrungen mit der Tinnitus‐App
Digitale Gesundheitshelfer gehören inzwischen zum Alltag. Auch für Tinnitus-Betroffene gibt es Lösungen: Kalmeda® unterstützt Betroffene im Alltag in Form einer kognitiven Verhaltenstherapie. Wie funktioniert sie und wo liegen ihre Grenzen? Ich habe meine eigenen Erfahrungen mit der App gemacht.
Von Holger Crump, Journalist und Leiter der Tinnitus‐Selbsthilfegruppe „Hast Du Töne?! – Leben mit Tinnitus“ in Bergisch Gladbach
Ein Wort vorneweg: Ich habe Kalmeda® zum ersten Mal bei einem Vortrag des Initiators und HNO-Arzts Dr. Uso Walter aus Duisburg kennengelernt. Er sprach in unserer Selbsthilfegruppe über die Entstehung und Behandlung von Tinnitus. Dabei stellte er auch die App und ihre Möglichkeiten vor. Jetzt nutze ich einen Testzugang, um mit Kalmeda® zu arbeiten und meine Erfahrungen damit zu teilen.
Bevor ich richtig loslege, lerne ich die App und meinen Tinnitus besser kennen. Nach ein paar persönlichen Angaben beschreibe ich den Klang: Zischen, Pfeifen oder Brummen? Auch meine aktuelle psychische Verfassung und wie sehr mich der Tinnitus belastet, fließen ein.
Dann meldet die App: „Dein persönliches Übungsprogramm steht jetzt bereit.“ Los geht’s also.
Im nächsten Schritt bekomme ich wichtige Hintergrundinfos:
- zum Tinnitus selbst
- zur App
- zu typischen Begleiterscheinungen wie Hyperakusis (Geräuschüberempfindlichkeit), Kiefergelenksverspannungen, Hörminderung oder Schlafstörungen
Dieser Mix aus Wissen und ersten Übungen wirkt anfangs vielleicht etwas viel. Aber später fügt sich alles schlüssig zusammen.
Die Einführung fühlt sich an wie ein Besuch bei einer einfühlsamen Ärztin oder einem empathischen Therapeuten: Ich werde ernst genommen, gefragt, abgeholt. Und das Beste: Ich beginne, mich aktiv mit meinem Tinnitus auseinanderzusetzen – ein erster wichtiger Schritt.
Danach starte ich im Herzstück der App. Die Kalmeda®-Therapie ist klar strukturiert:
- persönliches Übungsprogramm
- Hilfen und Ziele
- Fortschritt
- Entspannung, Sound und Wissen
Übungsprogramm: In 5 Schritten zum Ziel
Hier beginnt meine aktive Erfahrung mit der Kalmeda® Tinnitus-App.
Das Übungsprogramm ist in 5 Level unterteilt, mit einzelnen Etappen, die mich Schritt für Schritt weiterbringen. Für jede Etappe habe ich genügend Zeit. Ich stelle sie mir als kleine Aufgaben vor, wie sie auch Therapeutinnen und Therapeuten zwischen 2 Sitzungen mitgeben.
Abwechslungsreiche Inhalte
Die Inhalte sind angenehm aufbereitet: Neben Texten und Grafiken gibt es Videos, Audios und interaktive Elemente – alles direkt in der App. Kein Medienwechsel, kein Suchen.
Schon in der ersten Etappe werde ich gefragt, wie ich selbst über meinen Tinnitus denke. Danach sehe ich ein kurzes Video: Es zeigt mir, welche Haltungen hilfreich sind und welche eher bremsen. Belastend sind z. B. ständiges Grübeln, Selbstmitleid oder Rückzug. Hilfreich wirken Akzeptanz, bewusste Ablenkung und Entspannung.
So bekomme ich nicht nur Wissen, sondern auch praktische Impulse und kann direkt loslegen.
Perspektivwechsel und Erkenntnisse
In dieser Etappe setze ich mich außerdem bewusst mit meinem Tinnitus auseinander. Eine Übung fragt mich etwa: „Was rätst du einem Freund, wenn ihn sein Tinnitus belastet?“ Ich wechsle die Perspektive und entwickle ein neues Verständnis für meine eigene Situation.
Auch wenn mir als erfahrenem Betroffenen vieles bekannt vorkommt – für Menschen, die sich erst seit Kurzem mit ihrem Tinnitus beschäftigen, ist schon diese erste Etappe ein echter Augenöffner. Gerade in der Selbsthilfe zeigt sich immer wieder: Es braucht genau solche Impulse, um den eigenen Umgang mit dem Tinnitus zu hinterfragen und neue Wege zu entdecken.
Sobald ich meine Einstellung zum Tinnitus eingegeben habe, zeigt mir Kalmeda®, was daran hilfreich ist – und wo ich mich selbst ausbremse.
Ich spüre, wie sich meine Sicht auf den Tinnitus verändert. Ich erkenne die ersten Stellschrauben und bekomme Lust, weiterzumachen.
Begleitung im Alltag
Kalmeda® hilft mir, meine Einstellung gezielt zu hinterfragen und Schritt für Schritt zu verändern. Diese Methode gehört zur kognitiven Verhaltenstherapie (KVT): Ich lerne, wie ich mit meinen Gedanken und Reaktionen anders umgehe und dadurch meine Belastung reduziere.
So setze ich nicht auf schnelle Lösungen, sondern einen nachhaltigen Weg. Und ich merke: Ich kann selbst etwas tun.
Die App fragt regelmäßig nach Themen, die ich zu Beginn angegeben habe. Einmal will sie wissen, ob ich besser schlafe und ob mir die Tipps zum Ein- und Durchschlafen geholfen haben. Ein anderes Mal fragt sie nach meiner Hyperakusis und wie ich mit den passenden Übungen zurechtkomme.
Im ersten Moment wirkt das ungewohnt: Eine App fragt, wie es mir geht. Aber Kalmeda® macht das unaufdringlich und trotzdem verbindlich.
Obwohl ich versuche, nüchtern zu bleiben, spüre ich: Diese App zieht mich auf eine gute Art rein. Deshalb kehre ich immer wieder zu den Übungen zurück: nicht, weil ich muss, sondern weil es mir guttut.
Auch die weiteren Etappen im 1. Level greifen persönliche Themen auf, z. B.:
- Wunsch ans Leben
- intrinsische Motivation
- deine Stärken
- Gefühle als Wegweiser
Und: Die App bleibt dabei in sich stimmig. Ein Beispiel:
Unter „Meine Hilfen“ kann ich meine Stärken oder Wünsche festhalten. Dort taucht der Begriff „Primer“ auf. Falls ich ihn nicht kenne, kein Problem. Im Bereich „Wissen“ finde ich direkt eine verständliche Erklärung. Das wirkt durchdacht und rund.
Hilfen und Ziele
Im Bereich „Ziele“ arbeite ich wie mit einem persönlichen Trainer. Ein Beispiel:
Ich trage das Ziel „besser schlafen“ ein. Ein Wunsch, den viele mit Tinnitus teilen. Die App fragt mich, wie ich mich fühlen würde, wenn ich das Ziel erreiche – eher positiv oder eher negativ? Als Wahrscheinlichkeit für Erfolg gebe ich 20 Prozent an. Meine bisherigen Erfahrungen machen mich vorsichtig.
Sofort reagiert die App: Sie fordert mich auf, mögliche innere Widerstände zu erkennen. Ein Aha-Moment. Ich beginne, Ursachen zu hinterfragen und eigene Lösungen zu entwickeln. Dabei helfen mir die Notizen, die ich während meiner Arbeit mit der App gesammelt habe:
- innere Bilder
- persönliche Motive
- bewusst gemachte Stärken
So langsam wachse ich in die Rolle meines eigenen „Therapeuten“ hinein.
Aber die App stößt auch an ihre Grenzen:
Testweise gebe ich das Wort „Suizid“ als Ziel ein. Es passiert – nichts. Kein Hinweis wie „Bitte wende dich an eine psychiatrische Ambulanz oder eine Vertrauensperson.“ Auf meine Nachfrage erklärt der Anbieter: Die Ziele werden nicht kontrolliert. Das ist aus Datenschutzgründen nachvollziehbar. Für eine therapeutische App aber auch schwierig.
Ein echter Therapeut oder eine echte Therapeutin würde hier ganz anders reagieren. Eine Lücke, die sich nur schwer schließen lässt.
Fortschritte immer im Blick
Dieser Bereich kann frustrieren oder motivieren: Es kommt darauf an, wie ich mit der App arbeite. Ich sehe hier genau:
- wie viele Etappen ich schon abgeschlossen habe
- ob ich schon Meditations- oder Soundübungen genutzt habe
- wie es um meine selbst gesteckten Ziele steht
Das ist hilfreich, vor allem, um mich weder zu über- noch unterschätzen. So zeigt sich Kalmeda® als neutraler, fairer und nicht manipulierbarer Begleiter im Umgang mit meinem Tinnitus.
Info: So bekommst du Kalmeda®
Kalmeda® ist als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) offiziell gelistet. Das heißt: Jeder Arzt und jede Ärztin kann die App verschreiben – für gesetzlich Versicherte sogar bis zu 4-mal für jeweils 90 Tage. Damit können Betroffene Kalmeda® rund 10 bis 12 Monate komplett kostenfrei nutzen.
Nach dieser Erstattungsphase können sie die App vergünstigt weiter nutzen für 9,99 € im Monat. Ansonsten kostet die App regulär knapp 30 € im Monat (quartalsweise kündbar).
Privat Versicherte finden hier alle wichtigen Infos: Prozedere für privat Versicherte.
In diesem Bereich finde ich verschiedene Entspannungs- und Meditationsübungen, thematisch geordnet. Eine kleine Uhr mit Klangschalenklang begleitet mich dabei, damit ich weder zu kurz noch zu lang trainiere.
Die Inhalte drehen sich rund um Körper und Geist. Viele Übungen kenne ich schon aus dem autogenen Training oder der progressiven Muskelentspannung. Diese Meditationen sind angenehm angeleitet und schaffen kleine Pausen im Alltag, in denen ich zur Ruhe kommen kann.
Im Bereich „Sounds“ stellt mir Kalmeda® Hintergrundgeräusche zur Verfügung, die mich vom Tinnitus ablenken können.
Das funktioniert ähnlich wie bei einem Noiser, aber mit deutlich angenehmeren Klängen.
Ich kann wählen zwischen Wind, Wasser, Wald oder auch Stadtgeräuschen. Ich muss schmunzeln: In unserer Selbsthilfegruppe nutzen wir seit Jahren ganz intuitiv YouTube-Clips mit Naturklängen. Kalmeda® greift das professionell auf.
Wissen auf einen Blick
Unter „Wissen“ finde ich eine kompakte Sammlung an Stichworten. Ich lerne dort beispielsweise, was die folgenden Fachbegriffe bedeuten:
- Bruxismus: Unbewusstes Zähneknirschen oder Zusammenbeißen der Zähne.
- Hörsturz: Plötzlicher, meist einseitiger Hörverlust.
- Otosklerose: Verhärtung der kleinen Knochen im Ohr, die das Hören erschwert.
Ein kleines Tinnitus-Lexikon für zwischendurch also.
Hier wünsche ich mir noch mehr Inhalte und etwas mehr Tiefe. Wissen stärkt schließlich die Akzeptanz und unterstützt den eigenen Umgang mit dem Tinnitus.
Mein Fazit
Die Erfahrung mit Kalmeda® macht Spaß. Auch nach vielen Jahren mit Tinnitus geben mir die Übungen der App frische Impulse:
- Sie überprüfen meine Haltung.
- Sie schärfen meinen Fokus.
- Sie eröffnen neue Perspektiven.
- Sie bauen Stress ab.
Stark in schwierigen Phasen: Die App hilft mir, dem Tinnitus weniger Platz im Leben zu geben. Ich unterscheide klar zwischen Lautstärke und Belastung: Ob die Geräusche leiser werden, sei dahingestellt – aber Kalmeda® sorgt dafür, dass sie mich weniger stören. Für viele Betroffene ist das ein entscheidender Schritt zu mehr Lebensqualität.
Gut verknüpft: Die Übungen, Etappen und Inhalte greifen clever ineinander. So entsteht ein Netz aus Hilfen, Zielen und Wissen, das mich zu einem aufgeklärten, aktiven Tinnitus-Betroffenen macht.
Kalmeda® schließt damit eine wichtige Lücke: Es unterstützt mich bei der Akzeptanz meines Tinnitus, hilft beim Entkatastrophisieren und zeigt Wege zu mehr Achtsamkeit und Entschleunigung. Praktische „Wenn-Dann“-Strategien bei meinen Zielen helfen mir zusätzlich, Hürden leichter zu überwinden.
Bonus: Studien und Fakten
Damit Kalmeda® wirkt, brauchst du Offenheit und ein bisschen Neugier. Wer die Übungen mit Widerwillen oder starker Skepsis angeht, wird wenig davon haben – wie bei jeder therapeutischen Maßnahme.
Die Wirksamkeit ist wissenschaftlich untersucht: Eine aktuelle klinische Tinnitus-Studie zeigt eine deutliche Verbesserung der subjektiven Tinnitus-Belastung bereits nach 3 Monaten um 33 %1. Zusätzlich gingen psychische Belastungen wie die Neigung zu Depressionen und das Stresserleben spürbar zurück1. Gut zu wissen: Am Ball bleiben lohnt sich! Nach 9 Monaten Therapie mit Kalmeda® konnte noch einmal eine deutliche Verbesserung der Tinnitus-Belastung belegt werden.
Auch beim Datenschutz setzt Kalmeda® auf Sicherheit: Ich muss keinen Namen eingeben. Alle Daten liegen, wie für Medizinprodukte vorgeschrieben, auf einem Server in Deutschland (Anbieter: Hetzner). Sie werden 6 Monate nach Ende der Therapie oder nach 6 Monaten Inaktivität gelöscht.
Weil die App ihre Wirksamkeit belegen konnte, ist Kalmeda® seit Dezember 2021 dauerhaft als digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) gelistet.
Zum Autor
Holger Crump war zum Zeitpunkt des Tests freier Journalist, arbeitete u. a. für die Wissenschaftskommunikation von „Tinnitus Science“, ein Projekt der Tinnitus Research Initiative/Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg. Zudem war er Mitglied im Advisory Board des UNITI Forschungsprojekts. Als Gründer und Leiter der Selbsthilfegruppe „Hast Du Töne?! – Leben mit Tinnitus“ in Bergisch Gladbach ist er selbst seit über 30 Jahren von Tinnitus betroffen.
- Walter et al (2025): Continuous Improvement of Chronic Tinnitus Through a 9-Month Smartphone-Based Cognitive Behavioral Therapy: Randomized Controlled Trial J Med Internet Res 27, e59575.